Festivalchronik
Festivaljahr:    


Annäherungen und Bekenntnisse von "Ganz Unten"

Signierstunde „Ganz unten“: Günter Wallraff (24.11.1986, Quelle: Archiv Leipziger Volkszeitung)
Signierstunde „Ganz unten“: Günter Wallraff (24.11.1986, Quelle: Archiv Leipziger Volkszeitung)

Das Programm der im vorangegangenen Jahr gegründeten Videowerkstatt wird auf 45 Beiträge ausgeweitet; Themen sind u.a. der Befreiungskampf der Völker Lateinamerikas, Asiens und Afrikas.
Im Filmprogramm verdeutlicht sich der Prozess der weltweiten Ost-West-Annäherung: "Joe Polowsky - ein amerikanischer Träumer", in dem es im weitesten Sinne um die Verständigung zwischen USA und UdSSR geht, wird mit der Goldenen Taube ausgezeichnet und erhält 10-minütigen Applaus vom Festivalpublikum.
Mit einer weiteren Goldenen Taube wird "Die Generale" von Walter Heynowski und Gerhard Scheunemann ausgezeichnet. Der Film entstand im eigenen "Studio H&S", das von der DEFA unabhängig arbeitete.
Zu den wichtigen Filmen dieses Jahres gehört "Michail Romm. Bekenntnisse eines Regisseurs". 1965 hatte Romm mit "Der gewöhnliche Faschismus" einen Meilenstein in der Geschichte des Leipziger Festivals gesetzt. Jetzt zeigt er eine intime Retrospektive über die Gesellschaft, sich selbst und über Leipzig. Sein Fazit: "Wenn der Mensch in der Kunst keine Entdeckungen mehr macht, wird er dort auch nicht mehr gebraucht. Einfach nicht gebraucht." [in: Michail Romm]
Schließlich sorgt Jörg Gfrörers "Ganz Unten" für Aufregung: Nach einer Idee Günter Wallraffs, sich als Türke zu verkleiden und so den Umgang deutscher Arbeitgeber mit ausländischen Arbeitnehmern aufzudecken, entstand über Monate ein äußerst umstrittenes Dokument über die Ausbeutung nicht-deutscher Arbeiter bei Vogel und dem Thyssenkonzern. In Deutschland weigern sich alle Sender bis auf Radio Bremen, den vollständigen Film auszustrahlen. Schließlich geht er mit 100 Kopien in die Kinos.
In der Retrospektive sind in diesem Jahr Filme zum spanischen Bürgerkrieg zu sehen. Eine Auszeichnung für seine politische Bedeutung erhält das Festival durch das Sekretariat des Internationalen Studentenbundes der DDR; betont wird die Rolle Leipzigs im Kampf für Frieden, Abrüstung und Völkerfreundschaft, die Bedeutung für die Förderung des Dokumentarfilmschaffens in Entwicklungsländern, sowie die Förderung junger Filmemacher und humanistischer Werte. [Festival-Chronik Teil 3]

weitere Goldene Tauben
FUSTATIN LAPSIA (DIE KINDER VON FUSTAT, Finnland, Heike Partanen)
BREK! (BREAK!, Animation, UdSSR, Garri Bardin)
DIE GENERALE (DDR, Walter Heynowski, Gerhard Scheumann)

Silberne Tauben
ACTA GENERAL DE CHILE (Spanien, Miguel Littin)
HALF LIFE (HALBWERTZEIT, Australien, Dennis O'Rourke)
MARISKA BAND (DIE MARISKA-BANDE, Jugoslawien, Petar Krelja)
DER NEUE EID DES HIPPOKRATES (DDR, Walter Heinz und Gisela Schulz)

Spezialpreis der Internationalen Jury
GANZ UNTEN (BRD, Jörg Gfrörer)

 
Die Fakten in dieser Chronik wurden nach bestem Wissen und Gewissen aus verschiedenen aktuellen und historischen Quellen zusammengetragen. Besonderer Dank gilt Ralf Schenk und Dr. Heidi Martini für ihre Unterstützung.
Falls Sie Ergänzungen haben sollten, wenden Sie sich bitte an presse@dok-leipzig.de.
Die Quellenangaben beziehen sich auf die Werke, die Sie hier aufgelistet finden.