Festivalchronik
Festivaljahr:    


"Der gewöhnliche Faschismus" und der Vietnam-Krieg – Die Leipziger Dokumentarfilmwoche als Politikum

Mittwochsgespräch in der Bar des Astorias: Karl-Eduard v. Schnitzler und seine Gäste (18.11.1965, Quelle: Archiv Leipziger Volkszeitung)
Mittwochsgespräch in der Bar des Astorias: Karl-Eduard v. Schnitzler und seine Gäste (18.11.1965, Quelle: Archiv Leipziger Volkszeitung)

Zum 20. Jahrtag des Sieges über das NS-Regime, kann sich das Festival der Geschichte nicht entziehen und will es auch nicht! So findet die Retrospektive unter dem Motto "Filme contra Faschismus" statt, gezeigt werden u.a. "Mein Kampf” (1960, Erwin Leiser) oder "Das Leben Adolf Hitlers" (1961, Paul Rotha). Mihail Romms "Der gewöhnliche Faschismus" (Obyknovennyi Fašizm, UdSSR) erregt nicht nur bei Kritikern und Publikum großes Interesse, sondern wird auch mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet. Der Siegeszug des Films beginnt hier in Leipzig.

Politisch-gesellschaftliche Einflussnahme anderer Natur verfolgen die Filmschaffenden Walter Heynowski, Peter Ulbrich, Stanley Forman und Joris Ivens.

Heynowski kritisiert mit "Kommando 52" die Instrumentalisierung der Medien als Einkommensquelle für Söldner: „Die modernen Söldner sind nicht nur mit Schnellfeuergewehren, sondern auch mit Tonband, Fotoapparat und Kamera bewaffnet, um auch aus den Dokumenten ihrer Verbrechen Geld zu schlagen.“ [in: Ralf Schenk] Dies richtet sich gegen Gualtiero Jacopetti, der Söldnern im Kongo Geld dafür bot, Kongolesen zu ermorden, um gute Bilder für seinen Film "Africa Addio" zu gewinnen.

Peter Ulbrich, Stanley Forman und Joris Ivens appellieren an alle Dokumentarfilmschaffenden, Vietnam zu unterstützen und die zivile Bevölkerung über das Vorgehen der US-Armee aufzuklären: „Kein verantwortungsbewusster Filmschaffender darf in der Vietnamfrage gleichgültig bleiben.“ [Aufruf vom 19.11.1965 in: Festival-Bulletin 8/1965]

Und auch von Seiten der Regierung erfolgt politische Einflussnahme: Durch das 11. Plenum, dem sogenannten "Kahlschlag-Plenum“, erfolgen eindeutige Zensuren: besonders im Spielfimwesen gibt es umfassende kulturelle Reglementierungen. Die Organisation des Festivals bleibt davon jedoch weitgehend unberührt.

Da man dem speziellen Charakter der im Jahr zuvor eingeführten Fernseh-Dokumentationen gerecht werden will, werden Bildschirme aufgestellt und von der Post gibt es eine Sonder-Übertragungsstrecke.

Goldene Tauben
NOW (Kuba, Santiago Alvarez)
KOMMANDO 52 (DDR, Walter Heynowski)
GOOD TIMES, WONDERFUL TIMES (GUTE ZEITEN – HERRLICHE ZEITEN, Großbritannien, Lionel Rogosin)
IM SKAPHANDER ÜBER DEN PLANETEN (UdSSR, Slavinskaja)
MAGARITKA (Animation, Bulgarien, Todor Dinov)
BETHUNE (Kanada, Gay Glover)

Silberne Tauben
ULJIZ (DER EINDRINGLING, Jugoslawien, Krsta Skanta)
LIDICE (ČSSR, Pavel Hása)
VELIKAJA OTEČESTVENNAJA VOJNA (DER GROSSE VATERLÄNDISCHE KRIEG, UdSSR, Roman Karmen)
LEBEN – WOFÜR (DDR, Peter Ulbrich)
METAMORFOZA (Animation, Jugoslawien, Aleksander Marks und Vladimir Intrisa)
TEH FALL AND RISE OF THE HOUSE OF KRUPP (DER FALL UND AUFSTIEG DES HAUSES KRUPP, Großbritannien, Batty, Peter und Rudolf Vic)

Sonderpreis der Internationalen Jury
OBYKNOVENNYI FAŠIZM (DER GEWÖHNLICHE FASCHISMUS, UdSSR, Mihail Romm)

 
Die Fakten in dieser Chronik wurden nach bestem Wissen und Gewissen aus verschiedenen aktuellen und historischen Quellen zusammengetragen. Besonderer Dank gilt Ralf Schenk und Dr. Heidi Martini für ihre Unterstützung.
Falls Sie Ergänzungen haben sollten, wenden Sie sich bitte an presse@dok-leipzig.de.
Die Quellenangaben beziehen sich auf die Werke, die Sie hier aufgelistet finden.