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2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß von Malte Ludin | Deutschland 2007

Datum:
18. September 2010
Zeit:
20.00 Uhr
Ort:
Skala Leipzig

„Dies ist die Geschichte meines Vaters, eines Kriegsverbrechers, meiner Mutter, meiner Geschwister, Nichten und Neffen. Eine typisch deutsche Geschichte.“ (Malte Ludin)

CENTRALTHEATER und SKALA starten in eine sehr deutsche Spielzeit, an deren Anfang die Frage nach den deutschen Vätern steht, in Schillers RÄUBERN, Bronnens VATERMORD oder Borschts DEUTSCHLAND TANZT NICHT MEHR, das nach geistiger Vaterschaft sucht.

In 2 ODER 3 DINGE, DIE ICH VON IHM WEISS schreitet Regisseur Malte Ludin den Schatten seines Vaters, eines Nationalsozialisten, filmisch ab und befragt zu diesem Zweck drei Generationen seiner Familie: Wer war Hanns Elard Ludin? Wer war und wer ist er in den Augen seiner Familie? 60 Jahre nach Kriegsende. Die Wahrheit über die Vergangenheit des Vaters ist längst aktenkundig, aber unter seinen Verwandten wird sie beschönigt, geleugnet und verdrängt – mit all der Leidenschaft, zu der nur Familienbande fähig sind. Schon in der Weimarer Republik wird Hanns Ludin berühmt, weil er in der Reichswehr für Hitler konspiriert. Nach 1933 steigt er schnell zum SA-Obergruppenführer auf. Ihm werden der Blutorden und andere hohe Weihen des Nazistaats zuteil. 1941 schickt ihn Hitler als Gesandten in den „Schutzstaat“ Slowakei. Als „Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches“ soll er dort die Interessen Berlins durchsetzen – vor allem die „Endlösung“. Nach dem Krieg wird Hanns Ludin von den Amerikanern an die Tschechoslowakei ausgeliefert, 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Diese Tatsachen nimmt Malte Ludin, sein jüngster Sohn, zum Ausgangspunkt einer schmerzlichen Auseinandersetzung. Es entsteht ein intimes und doch beispielhaftes Filmdokument – ein hochemotionaler Bericht aus dem Innern einer deutschen Familie. Anja Nioduschewski

Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Publikumsgespräch mit Regisseur Malte Ludin statt.


 

GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG von Andreas Voigt | Deutschland 1994

Datum:
13. April 2010
Zeit:
20.00 Uhr
Ort:
Skala Leipzig

„Glaube Liebe Hoffnung“ ist der vierte Film eines fünfteiligen Leipzig-Zyklus, den Andreas Voigt im Verlauf eines Jahrzehnts (1987-97) drehte, und greift Geschichten aus den vorhergegangenen auf. Im vorigen Jahr wurden bei DOK Leipzig Rahmen der Reihe Transit ’89 „Leipzig im Herbst“ und „Letztes Jahr Titanic“ – der zweite und dritte Film des Zyklus, die sich direkt mit der Zeit der Wende in Leipzig beschäftigen – mit großem Erfolg wieder aufgeführt.

Nun begleitet Voigt über ein Jahr hinweg, von Dezember 1992 bis Dezember 1993, eine Gruppe junger Leipziger Neonazis. Dirk sitzt zu Beginn des Films wegen eines Überfalls auf ein Ausländerwohnheim im Gefängnis. Früher war er Unteroffizier der NVA, nun will er zur Fremdenlegion und kleidet sich „wie von der Waffen-SS." Seine Freundin Jeanine wartet auf ihn und senkt zu seinen Sprüchen den Kopf. Der Skinhead André ist im Kinderheim aufgewachsen, arbeitslos, wenn er nicht als Weihnachtsmann jobbt, komponiert und textet rassistische Lieder und klopft mit Kumpels aus der Szene martialische Sprüche. Sein engster Vertrauter ist sein Wellensittich. Der 20-jährige „Papa“ war früher „links“, dann „rechts“ und ist heute wieder „links“. Wo man landet, scheint egal zu sein. „Für Ruhe und Ordnung“ möchte er sorgen, als Wachmann – und nicht mehr arbeitslos sein.

In strengen Schwarz-Weiß-Bildern und in der Tradition der DEFA-Dokumentarfilme zeigt Andreas Voigt eine Stadt, die sich rasant verändert (u.a. mit Hilfe des Baulöwen Jürgen Schneider, der im Film erklärt, warum er Gutes tut). Ihre Jugend bewegt sich indessen zwischen Träumen und Hoffnungen, Aggression und Gewalt auf eine Zukunft zu, die außer „Deutschland“ wenig zu bieten scheint. Voigt beschrieb seinen Film als „die Agonie einer Generation“.

„Wie nah das beieinander liegt: der Traum vom bürgerlichen Glück und Gewalt, unschuldige Spiele und Brutalität. ‚Glaube, Liebe, Hoffnung’ gelingt in seinen besten Momenten ein intimer Blick – als würde mit der Kamera endlich jemand da sein, dem man sich anvertrauen kann. Die Medien haben im Umgang mit rechter Gewalt eine eher unheilvolle Rolle gespielt. Sie boten eine bequeme Möglichkeit, Fremdenhass und Neonazitum zum Randgruppenproblem zu erklären, mit dem die Mitte der Gesellschaft nichts zu schaffen habe. Diffizilere Bilder hat dieser Dokumentarfilm entwickelt, der sich auf die Suche nach Bildern hinter den Gewaltaktionen machte und die Mentalität der Rechten zeigt: trostlosen Alltag und spießige Sehnsüchte. Es bleibt das Angstbild Skin, als Bote einer barbarischen Zukunft, es bleibt die Frage, wie wir auf die rechte Revolte antworten sollen.“

Stefan Reinecke, Berliner Zeitung

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ARNAS KINDER von Juliano Mer Khamis | Italien, Niederlande 2003 | 84 Min.

Datum:
Montag, 02.November
Zeit:
20.00 Uhr
Ort:
Centraltheater Leipzig

Das Spinnwerk startet in dieser Spielzeit seine zweijährige Kooperation mit dem Freedom Theatre im Flüchtlingslager Dschenin im palästinensischen Westjordanland. Unter dem Titel "Mein Land Biladi" werden 20 Jugendliche aus Leipzig und Dschenin am jeweiligen Ort gemeinsame Theaterinszenierungen entwickeln, die sich mit ihrem Leben auseinandersetzen (Biladi, arabisch: mein Land).

Juliano Mer Khamis, jüdisch-palästinensischer Schauspieler, Regisseur und Leiter des Freedom Theatre, zeigt mit "Arnas Kinder" einen beeindruckenden Film über die wechselvolle Geschichte dieser Bühne.

Seine Mutter Arna, ihrerseits Kind jüdischer Eltern, gründet nach der ersten Intifada 1987 in Dschenin mehrere Kinderhäuser und ein Theater – Rückzugsorte jenseits des alltäglichen Kriegsschauplatzes, an denen "Kindheit" möglich werden soll.

Mit Hilfe ihres Sohnes sammelt sie eine Gruppe von 9- bis 10-jährigen palästinensischen Kindern um sich. Gemeinsam proben sie Theaterstücke; die Jugendlichen bekommen aber auch psychologische Betreuung.

Mer Khamis begleitet sie mit der Kamera. Als das Theater nach dem Tod seiner Mutter 1995 geschlossen werden muss, hält er den Kontakt. Im April 2002 versucht die israelische Armee, das Flüchtlingslager, das als Keimzelle des palästinensischen Terrors gilt, gewaltsam unter Kontrolle zu bringen: 150 Häuser werden zerstört, mehr als 400 Familien obdachlos. 52 Palästinenser und 23 israelische Soldaten sterben. Auch das Theater wird zerstört. Wenige Tage nach der Invasion fährt Mer Khamis wieder nach Dschenin, auf der Suche nach den Kindern des Theaters. Viele von ihnen leben nicht mehr.

Für ihre hingebungsvolle Arbeit wurde Arna Mer Khamis 1993 in Stockholm mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. "Arnas Kinder" wird mit zahlreichen Preisen geehrt, u. a. als Bester Dokumentarfilm auf dem Tribeca Filmfestval (USA) und beim Hot Docs Filmfestival (Kanada). 2006 gründet Juliano Mer Khamis das Freedom Theatre erneut …


Anja Nioduschewski

 
Die November-Ausgabe von DOK Central bildet den Auftakt einer geplanten Reihe von Filmen zur Palästina-Frage, mit der DOK Leipzig die Kooperation des Leipziger Central-Theaters mit dem Freedom Theatre im Flüchtlingslager Jenin begleiten wird. Ein Thema und Filme, die uns besonders am Herzen liegen, denn der arabisch-palästinensische Film hat hier eine lange Tradition. Seit 1969 fanden hier regelmäßig "Treffen Filmschaffender arabischer Staaten" statt, im selben Jahr erging ein Appell der VAR an die Filmschaffenden der Welt, dem Palästina-Problem Aufmerksamkeit zuzuwenden. Kein anderes Filmfestival verfügte über eine so hohe arabische Beteiligung, wie 1973 anlässlich der in Leipzig vollzogenen Gründung einer "Union der arabischen Filmdokumentaristen" festgestellt wurde. Eine Verbindung, die auch nach 1989 nicht abbrach, wie die äußerst erfolgreichen Filmreihen zum syrischen Dokfilm 2001 und zum arabischen 2006 beweisen. 2008 trat von hier der berührende Film "Das Herz von Jenin", ausgezeichnet mit dem DEFA-Förderpreis, seinen Zug durch die Kinos des Landes an und konnte eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Mit "Kalandia. A Checkpoint Story" und "Gaza Hospital" finden sich auch im diesjährigen Programm zwei erschütternde Dokumente der Unterdrückung des palästinensischen Volkes.

Besucher von DOK Central dürfen auf weitere Entdeckungen in den nächsten Monaten gespannt sein.